Die rechtzeitige und ausreichend hoch dosierte Thiaminsubstitution stellt die derzeit einzige evidenzbasierte und wirksame Therapie der Wernicke-Enzephalopathie dar. Sie kann – insbesondere bei frühzeitiger Einleitung – zu einer vollständigen Remission führen und verhindert das Fortschreiten der Erkrankung zum Wernicke-Korsakoff-Syndrom, der chronischen, in der Regel irreversiblen Verlaufsform der Wernicke-Enzephalopathie.
Aktuelle Untersuchungen zeigen zudem, dass bei Patient:innen mit Alkoholkonsumstörung ohne neurologische Symptome (z. B. ohne klinische Anzeichen einer Wernicke-Enzephalopathie) sowohl intravenös als auch oral verabreichtes Thiamin in vergleichbarem Maße zu einem Anstieg der Thiaminpyrophosphat -Spiegel im Blut führt.
Die Thiaminsubstitution wird in nationalen und internationalen Leitlinien als wesentlicher Bestandteil der Behandlung von Alkoholkonsumstörungen empfohlen – auch prophylaktisch, selbst in Abwesenheit weiterer Risikofaktoren. Eine frühzeitige und konsequente Gabe stellt eine wirksame Maßnahme dar, um das Fortschreiten einer Wernicke-Enzephalopathie zum Wernicke-Korsakoff-Syndrom zu verhindern und damit das Risiko irreversibler kognitiver Folgeschäden erheblich zu senken. Seit Kurzem empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation Thiamin bei Alkoholkonsumstörungen um späteren Demenzerkrankungen vorzubeugen.
Bei Vorliegen einer Alkoholkonsumstörung wird eine Tagesdosis von 100 – 200 mg Thiamin empfohlen. (Für Patient:innen in medizinischen Notfalleinrichtungen können die empfohlenen Dosen deutlich höher sein.)
Was ist Thiamin?
Thiamin (Vitamin B1) ist ein wasserlösliches Mitglied des Vitamin-B-Komplexes und zählt zu den essenziellen Mikronährstoffen, da der menschliche Organismus es nicht selbst herstellen kann. Eine kontinuierliche Zufuhr über die Nahrung ist daher erforderlich. Unter normalen Bedingungen kann der Bedarf in der Regel durch eine ausgewogene Ernährung gedeckt werden, sofern keine Risikofaktoren wie chronischer Alkoholkonsum oder ein Zustand nach bariatrischer Operation vorliegen.
Zu den thiaminreichen Nahrungsquellen zählen Fleisch (insbesondere Schweinefleisch), Hefe sowie Vollkornprodukte. Stark verarbeitete Getreideerzeugnisse, wie weißer Reis oder Weizenmehl, enthalten dagegen nur geringe Mengen Thiamin. Gleiches gilt für verarbeitete Obst- und Gemüseprodukte sowie Milchprodukte. Da Thiamin empfindlich gegenüber hohen Temperaturen und alkalischen Milieus ist, kann es durch Koch-, Back- oder industrielle Verarbeitungsprozesse inaktiviert werden.
Thiamin spielt eine zentrale Rolle bei der zellulären Energiegewinnung, insbesondere in Geweben mit hohem Kohlenhydratstoffwechsel, wie beispielsweise den Nervenzellen. Darüber hinaus ist es für energieintensive Prozesse wie die Synthese von Neurotransmittern oder Nukleinsäuren unverzichtbar. Die bioaktive Form, Thiaminpyrophosphat, ist zudem essenziell für die Aufrechterhaltung der Erregbarkeit und Signalübertragung von Nervenzellen.